Von wegen Niemandsland

Wir sind in Mauretanien! Eigentlich sind es von unserem letzten Übernachtungsplatz in der Westsahara bis Nouadhibou in Mauretanien nur rund 130 km. Doch um die zu überwinden, sollte man besser einen ganzen Tag einkalkulieren. Distanz ist schließlich nicht alles! Nach einer Runde Frühsport mit Schaufel und Sandblechen brechen wir daher zeitig auf.

Die Landschaft verändert sich auf dem letzten Stück mal wieder gewaltig: Links und rechts der Straße erstrecken sich bis zum Horizont kleine erodierte Steinhügel, und ich muss spontan an Australien denken. Wir kommen an ein paar kleinen Siedlungen vorbei, größtenteils gehören sie wohl zu Millitärstützpunken. Auf dem Weg in den Süden passieren nochmals zwei Kontrollposten, geben Fiches ab und müssen beim letzten auch noch Zollpapiere und KFZ-Versicherung vorlegen. Was die jetzt noch bringen soll fragen wir lieber nicht...

Dann taucht vor uns plötzlich die Grenze auf. Wir füllen noch ein letztes Mal die Tanks mit zoll- und steuerfreiem Diesel aus der Westsahara und stürzen uns in den Behördenmarathon: Pässe zeigen, rosa Ausreisezettel ausfüllen, Pässe mit den Ausreisezetteln vorzeigen, Pässe abstempeln lassen, Zollpapiere für die Fahrzeuge ausstempeln, bei der Polizei registrieren, durch den Grenzposten fahren, Pässe vorzeigen – Salam aleikum. Wa aleikum as-salam. Ça va? Hamdullilah! Nationalité? Allemande (Du hast doch meinen Pass in der Hand, Schlaumeier!). Destination? Mauretanie (Was sonst? Schweden vielleicht? *) – und zum Schluss noch ein letztes Mal registrieren, diesmal beim Militär. Uwe überspringt den letzten Posten, wird zurückgepfiffen (pour vôtre sécurité), soll dann aber doch nur Kaffee trinken. Kann so wichtig also nicht gewesen sein!

Dann geht es ab ins Niemandsland: 4 Kilometer lang führt ein Gewirr aus Pisten durchs staubige Nichts. Diese vielbefahrenen Pfade sollte man auf keinen Fall verlassen, denn im Grenzgebiet zwischen Marokko und Mauretanien gibt es Landminen. Aber auch wenn man im Internet auf tonnenweise Horrorgeschichten stößt – die Pisten sei furchtbar schwer zu bewältigen und man könne den Weg kaum finden – können wir jetzt sagen: Alles halb so wild! So lange man immer der deutlich sichtbaren Steinpiste folgt, die sich wirklich klar von der Umgebung abgrenzt, und sich dabei immer links hält, kann eigentlich nichts passieren. Schwierig zu fahren ist die Strecke nicht. Vom Opel Corsa über konventionelle Wohnmobile bis hin zum Sattelschlepper kommt hier alles durch.

Irritierend ist allerdings ein bisschen, dass die "Niemandsländer" kreuz und quer über die Pisten brettern – wohl um ahnungslose Reisende auf sandige Pfade zu locken, und ihnen dann, wenn sie erstmal feststecken, für horrende Summen "Hilfe" anzubieten und Sandbleche zu vermieten...  Überhaupt sollte man nicht glauben, was in so einem Niemandsland in der Wüste alles los ist: Hier laufen Leute rum, die betteln und behaupten seit Tagen im Auto zu hocken und weder auf der einen noch auf der anderen Seite über die Grenze zu dürfen, es werden Autos vertickt und Waren aus LKWs verschoben.

Wer sich von all dem nicht irritieren lässt und sich stur links hält – vorbei an Autowracks und Kühlschränken – sieht aber schon bald den mauretanischen Grenzposten. Dort geht der Spaß dann von vorne los: registrieren, Auto durchsuchen lassen (war relativ oberflächlich und Beamte recht freundlich) Zollformalitäten erledigen (Für andere Reisende: Die "Ehrenerklärung" für's Auto kann man auch mit 100 Dh statt 10 Euro bezahlen – ist billiger!), Pässe abstempeln (während des Gebets draußen warten). Ein bischen einschüchternd wirkt, dass die Jungs gegen Wind und Sand alle Tücher ums Gesicht gewickelt haben und Sonnenbrillen tragen. Man kann also nicht erkennen, ob einem das Gegenüber freundlich gesinnt ist oder nicht. Insgesamt ist das Prozedere aber wesentlich überschaubarer als auf der marokkanischen Seite – wer hätte das gedacht?

Als wir endlich in Mauretanien ankommen, sind wir alle ziemlich platt und beschließen nach Nouadhibou zu fahren, um uns dort um einen Schlafplatz, mauretanisches Geld (Uguya - oder auch "UMze") und die KFZ-Versicherung zu kümmern. Auf dem Weg nach dorthin bestaunen wir die berühmten Erzzüge (wenn sie voll beladen sind, gelten sie als die schwersten Züge der Welt). Bei einem, der gerade steht, schau ich am Vorbeifahren auf den Tacho: Er ist gut und gerne 2 km lang!

Noch haben wir nicht viel von Mauretanien gesehen, aber das bisherige Straßenbild spricht eine deutliche Sprache: Wir haben eine völlig andere Welt betreten. Wir sind in Afrika!

 

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*) Nachbemerkung: Vielleicht war die Frage nach der "Destination" doch nicht so unberechtigt. Zwei Tage später, mitten in Mauretanien, meldet sich Stephans Handy mit einer SMS: "Willkommen in der Schweiz..."

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Kommentare: 1
  • #1

    Leon (Montag, 16 Januar 2012 11:16)

    Da habt ihr ja einiges erlebt. Ich weiß nicht, ob ich mir solch eine Reise ins Niemandsland überhaupt trauen würde. Dennoch das gute war sicherlich das noch einmal zollfreie Tanken, das findet man hier ja nicht!

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