Der Scheich

Es ist spannend, sich Marokko mal vom Süden zu nähern. Wir verlassen die zugige Küste der Westsahara und fahren von der weiten, trockenen Ebene in die ebenso trockene, aber dafür hügelige Landschaft um Guelmim und weiter zu den kargen, schroffen Bergen des südlichen Antiatlas. Wir passieren Oasendörfer und staunen über Speicherburgen, Agadir genannt, die wie Adlerhorste auf  den rötlich schimmernden Berghängen tronen. Und langsam kommen wir wieder in grünere Gefilde, und verbringen nochmals ein paar Tage bei unseren Freunden in Sidi Ouassay und Tamraght.

In Guelmim machen wir Bekanntschaft mit Aziz, der fast perfekt Deutsch spricht, und behauptet, dies in der Abendschule gelernt zu haben. Zunächst will er uns dies und jenes verkaufen, oder auch Ferdinand abkaufen, oder wenigstens ein paar Tauschgeschäfte mit uns machen, dann lädt er uns ein, in der Oase Tighmert, beim Grundstück seiner Familie zu campen. Wir bleiben erstmal unverbindlich und erledigen unsere Einkäufe. Doch als wir Aziz später nochmals treffen, gehen wir erstmal gemeinsam Tee trinken und entscheiden uns dann mitzufahren – in die Oase Tighmert wollten wir sowieso. Mittlerweile hat sich noch ein Freund von Aziz dazu gesellt: Said, der ebenfalls Deutsch spricht und in Hamburg und Dortmund studiert hat.

 

Nach literweise Tee und Couscous in Saids Haus fahren wir endlich in die Oase. Sie ist wirklich wunderschön, und im Herzen dieses Paradiesgartens, wo sich tatsächlich ein Plätzchen findet, um Ferdinand abzustellen, ist es traumhaft ruhig. Wir trinken noch mehr Tee, dann schlagen die Jungs vor, dass wir unsere Tajine einpacken und einen Nomaden besuchen gehen, der derzeit in der Oase sei.

 

Wir lassen uns drauf ein, sind gespannt, aber vor allem auch skeptisch – insbesondere, als wir das viel zu offene, viel zu heimelige Zelt sehen, in dem der "Nomade" im blitzsauberen blauen Gewand und bei Kerzenlicht vor seinen Tablett mit den Teegläsern sitzt. Vor dem Zelt liegt allerhand Schnickschnack ausgebreitet – aus dem Augenwinkel betrachtet sieht es aber nicht nach dem üblichen Touri-Nepp aus, sondern es scheint sich tatsächlich um alte Stücke zu handeln. Aber wer weißt, vielleicht täuscht uns auch das sanfte Mondlicht. Wir sind jedenfalls skeptisch und rechnen jeden Moment damit, dass die große Verkaufsshow beginnt – insbesondere als Aziz uns ermuntert, dem Nomaden ruhig alle unsere Fragen zu stellen...

 

Vielleicht sind wir aufgrund vergangener Erfahrungen ein bisschen zu sehr in Alarmbereitschaft. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass in Marokko am Ende immer alles ein bisschen anders kommt, als man zunächst glauben mag. Zwar ist den ganzen Abend über alles ein kleines bisschen zu Klischeehaft: Der Nomade spricht ausschließlich Arabisch, betont ruhig, doch gerade deswegen klingt es für unsere Ohren schon fast ein bisschen theatralisch. Gestik und Mimik passt ein bisschen zu gut ins Bild, dazu gesellen sich Aziz' blumige Übersetzungen, das leise Rauschen der Palmen und das Zirpen der Grillen. Hähne krähen, der Muezzin ruft und die Männer stehen auf zum Beten. Irgendwann greift der Nomade dann hinter sich und holt seine "Schatzkiste" hervor. Als Dankeschön dafür, dass wir unsere Tajine mit ihm geteilt haben, möchte er uns zeigen, was er mitgebracht hat – kein Geschäft, nur zeigen. Wir lächeln und denken uns unseren Teil. Er packt aus, erklärt in aller Seelenruhe Sinn, Zweck und Material jedes einzelnen Stück, erwähnt kurz, dass wir natürlich Dinge tauschen können, wenn wir Interesse haben, und nachdem wir alles gebührend (aber auch zurückhaltend) bewundert haben, packt er mit den selben gleichmütigen Bewegungen alles wieder ein.

 

Wir sind platt und haben noch lange was zu rätseln. Vor allem als wir den "Scheich", wie Stephan ihn nennt, am nächsten Tag mit seinem blauen Flatterhemd und einem roten Mountainbike sehen. Da wir direkt am Zugang zu seinem Garten campen, können wir außerdem beobachten, dass er definitiv nicht in seinem Zelt schläft. Danach sah es aber sowieso nicht aus. Ist er nun echt oder nicht? Was für eine Art Theater wurde da gespielt? Und vor allem: Wozu?

 

"Echt" ist aber auf jeden Fall der alte Mann, der sich am folgenden Nachmittag zum Teetrinken zu uns gesellt. Vom Leben gezeichnet – rechts fehlt das Auge, links die Zähne – erzählt er ruhig vom Alltag in der Oase und in der Wüste. Bis vor zehn Jahren sei er unterwegs gewesen, habe mit Kamelen gehandelt, mit Datteln und mit Salz. Seine Reisen führten ihn nach Algerien, Mali, Tschad und viele andere Wüsten und Sahelländer. Mit der Zeit sei es aber immer schwieriger geworden: Grenzen und Zollvorschriften, dazu Landminen in vielen grenznahen Regionen machen das Nomaden und Karawanenleben nahezu unmöglich. Daher hat er sich irgendwann dafür entschieden, sich ganz in der Oase niederzulassen und ein Stückchen Land zu bewirtschaften.

 

Ach ja, Aziz und Said sehen wir am nächsten Tag nur kurz. Von Feuer- und Musikmachen ist nicht mehr die Rede, beide haben plötzlich Wichtigeres zu tun. Wir vermuten, dass sie andere Reisende getroffen haben, die im Gegensatz zu uns Alkohol zu bieten haben. Und wer weiß? Vielleicht war der "Scheich" mit dem Mountainbike auf dem Weg dorthin?

 

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Kommentare: 7
  • #1

    helene (Dienstag, 29 März 2011 18:57)

    Schön,dass wir Euch wieder auf der "Spur" sind !!
    Viele Grüße
    Helene

  • #2

    Isabel (Dienstag, 29 März 2011 22:33)

    Haben uns die lange Wartezeit auf neue Berichte damit vertrieben die alten Fotos anzusehen. "Kenn ich noch nicht!" meint Milla und entdeckt wirklich immer wieder was Neues. Z.B. ein Gespenst auf den Markt-Bildern! und das Bild mit Stefan und seinem verletzten kleinen Freund plus Geschichte dazu rührt sie sowieso immer wieder!
    Grüße von Isabel

  • #3

    team-ferdinand (Freitag, 01 April 2011 15:18)

    Ein Gespenst??? Na, da sind wir aber mal gespannt, wo sich das versteckt...

  • #4

    matina&bernd (Dienstag, 05 April 2011 22:42)

    kein kommentar, sondern ein kleines geständnis ;-)
    "begleiten" euch nämlich schon seit einigen wochen "heimlich" auf eurer tollen reise und freun uns immer wieder riesig was von euch zu lesen, auch wenn die wunderbaren fotos ein schlimmes, schlimmes fernweh bei uns veranlassen...hoffen, ihr seid wohl auf, genießt euch und die letzten(?) wochen im sonnenschein..
    übrigends: liegt heidelberg nicht auf eurer rückfahrroute!? ihr seid jeder zeit herzlich willkommen...

  • #5

    Herr Onkel (Donnerstag, 07 April 2011 14:52)

    Hallo Stefaniee und team,
    bevor ich zu Rolands Patagonien-Vortrag gehe, noch ein Gruß nach Marokko, dort hab ichs vor 46 Jahren bis Tetuan geschafft, seither nicht mehr. Gis ist eben zur letzten dienstl. Reise nach Mittelamerika abgeschwirrt, um etwa Juli/Aug. in den Unruhestand zu geraten. Bin gespannt, was wir dann unternehmen!
    Kommt gut heim!

  • #6

    Cousine Christine (Donnerstag, 28 April 2011 20:04)

    Habe heute den Bericht über den Anschlag gesehen. Hoffentlich gehts Euch gut? Werde die nächsten Tage mal öfter bei Euch reinschauen.....

  • #7

    team-ferdinand (Samstag, 30 April 2011 17:52)

    Keine Sorge, wir sind wohlauf - leider hatten wir nicht sofort Internet gefunden, um Entwarnung zu geben, als wir die schlimmen Nachrichten vernommen hatten...

Team Ferdinand
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Nach längerer, ungeplanter Internet-Diät, sind wir Ende November in Griechenland angekommen. Irgendwie finde ich seither nicht mehr so recht ins Bloggen. Aber bald werde ich versuchen, das Reisetagebuch wieder up to Date zu bringen. Bis dahin könnt ihr auf facebook sehen, was wir so treiben...

 

 

 

 

 

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