16. Türchen: Zäller Wiehnacht

Kirchlein in Zell, Foto: Phillipp Köhler
Kirchlein in Zell, Foto: Phillipp Köhler

Ein  bisschen Kultur im Kalender beschert uns Jürg. Auch ihn kenne ich aus Heidelberg, und auch mit ihm habe ich im Chor gesungen. Uns erzählt er heute, warum die Zäller Wiehnacht in der Schweiz die einzig richtige ist, und warum er gespannt auf die Neuinszenierung am Zürcher Schauspielhaus wartet.

 

Ach ja: Fällt Euch was auf? Jürg ist schon der dritte (Exil-)Schweizer, der sich an unserem Adventskalender beteiligt...

 

Zäller Wiehnacht

Seit 1961 wissen wir Zürcher, wo Weihnachten zuhause ist. Nicht etwa im appenzellischen Weiler Wienacht, da wo mein Großvater her kommt. Nein, Zell im Tößtal, da gehört Weihnachten hin.

 

Vor 50 Jahren hat uns Paul Burkhard mit der Zäller Wiehnacht beschert. Es ist mit Sicherheit das einzige Krippenspiel, das es zu seinem 50. Geburtstag zu einer Aufführung am Zürcher Schauspielhaus bringt. In unserer Familie galt nur die Aufnahme mit den Hinwiler Schülern als die richtige, da war der Jack mit dabei.

 

Hinwil, das ist das Dorf am Bachtel, das es jetzt beinahe auf zwei SVP Bundesräte gebracht hätte, wäre da dem Zuppiger nicht das mit der Erbschaftsverwaltung dazwischen gekommen. Jetzt findet der keine Herberge in Bundesbern und in Hinwil bleibt die Kirche im Dorf, in der damals eben auch mein Cousin mitgespielt hatte. Diese Doppel-Langspielplatte wurde bei uns zu Hause an jeder Weihnacht gespielt und nicht nur da. Wir wussten längst, wo die Nadel in den Kratzern hängen bleiben würde, doch als mein Bruder sie mal ersetzen wollte mit der offiziellen Version, jene mit den Schliermer Chind, da kam er schlecht an.

Einige der Lieder der Zäller Wiehnacht sind längst Schweizer Volksgut geworden, Das isch de Stern vo Bethlehem kommt gleich nach Stille Nacht und Oh du fröhliche... Das Spiel beginnt mit der Rollenverteilung, die nahtlos übergeht in die Geschehnisse von damals im Nahen Osten. Da weiß man nie so recht, ist man jetzt in Zell/Hinwil oder schon im Palast des Herodes. Das verschafft dem Stück auch heute noch kritische Schärfe, wenn etwa die Partylaune bei Herodes umschlägt und der Despot mal schnell einen Kindermord befiehlt: Mir händs glatt, juhui, bim König Herodes. Dänn mir tüend de ganz Tag nüüt, schaffe sölled ander Lüt... / Ois cha nüd passiere, gelled si, Herr Chriegsminister!? Und dann das unendlich mollig-traurige Lied Kei Mueter weiss, was ihrem Chind wird gescheh..., Maria ist da einfach eine junge werdende Mutter, die sich der Ungewissheit der Zukunft bewusst wird. Wenn sie fragt Dient er emal am Böse, oder chan er ois all erlöse?, dann rücken der Herodes und das Kind in der Krippe ungemütlich nahe zusammen.

 

Andere Teile spiegeln Haltungen, die damals im Zürcher Oberland vielleicht progressiv waren, heute aber allzu paternalistisch rüber kommen. Etwa wenn der König Kaspar scheu fragt, ob seine Truppe denn trotz der dunklen Hautfarbe mit auf die Suche nach dem neugeborenen König kommen dürfe, und der edle Babylonier-Schweizer Balthasar verkündigt, dass der Heiland doch für alle geboren sei; da singen dann die aus den Süden staunend Au für ois rabeschwarzi Mohre, au für ois, isch de Heiland gebore... Da bin ich mal gespannt, was das Schauspielhaus da draus macht. Bezüge wären nicht schwer zu finden, etwa wenn die jungen Tunesier, die im Anschluss an den arabischen Frühling in die Schweiz kamen, als die neuen Problem-Asylanten gebrandmarkt werden und Bettwil seine Betten nicht mit Asylanten füllen will. Da sind wir dann dem Bethlehemer Herbergswirt doch etwas näher als dem großzügigen Balthasar.

 

Jürg

 

Jürg hat für alle Nichtschweizer auch noch ein paar Links zu den angedeuteten Schweizer Interna raugesucht:

http://www.tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2011/12/06/Schweiz/Club-Knatsch-um-tunesische-Asylanten

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/fernsehen/TVKritik-Wenn-du-das-Birchermesli-geschafft-hast-dann-bist-du-integriert/story/31725114

http://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/tunesischer-autor-raet-seinen-landsleuten-zu-hause-zu-bleiben-117097752

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Heinze (Samstag, 24 Dezember 2011 01:57)

    Die Zeller Wiehnacht kenn ich auch... die haben wir in der oberstufe einmal aufgefuert und ich hab doch doch glatt in den blonden engel verknallt...

Team Ferdinand
Eine Familie unterwegs im Oldtimer-Bus

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Nach längerer, ungeplanter Internet-Diät, sind wir Ende November in Griechenland angekommen. Irgendwie finde ich seither nicht mehr so recht ins Bloggen. Aber bald werde ich versuchen, das Reisetagebuch wieder up to Date zu bringen. Bis dahin könnt ihr auf facebook sehen, was wir so treiben...

 

 

 

 

 

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