"Schwangere und Kinder gibt es überall"

Michi und Torben brachen Mitte 2015 auf, um gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter Romy im Allrad-LKW die Panamericana zu bereisen. Unterwegs stellten sie fest, dass sich noch ein weiterer Passagier eingeschlichen hatte: Levi, der einige Monate später in Mexiko zur Welt kommen sollte. Wie es ist, auf Reisen ein Kind zu bekommen, erzählt Michi im Interview.

 

(Fotocredit: hippie-trail.de)

Ist das eure erste große Tour als Familie?

Die erste richtig große. Wir fuhren während Thorbens Elternzeit für zwei Monate nach Albanien und über Italien wieder zurück. Das war unsere Testreise mit Romy, die zu diesem Zeitpunkt zehn Monate alt war.

 

Der Test war offensichtlich erfolgreich – jetzt seid ihr auf der Panamericana unterwegs...

Für uns war bereits in Indien klar, dass wir das nächste mal länger und weiter fahren wollten. Unser Traum von „der längsten Strasse der Welt“ war geboren.

 

Ihr wart noch nicht lange unterwegs, als ihr bemerkt habt, dass sich die Familie nochmals vergrößert. Eine Überraschung oder war das geplant? 

 

Levi war und ist ein absolutes Wunschkind, obwohl er es dann doch eiliger hatte als gedacht. Geplant war eigentlich zum Ende der Reise schwanger zu werden. Aber Levi wollte nichts verpassen und gesellte sich bereits nach drei Wochen in Kanada dazu. Im einsamen Norden von Kanada – wir campten gerade an einem See und ich bereitete das Abendessen zu – hatte ich es plötzlich sehr eilig, im nächsten Gebüsch zu verschwinden und mich zu übergeben. Das wiederholte sich am Morgen, und da hatte ich schon so eine Vorahnung. Erst viele Tage und Fahrkilometer später fanden wir einen Laden, der Schwangerschaftstests verkaufte. Da war es dann offiziell, dass wir bald zu viert sein würden.

 

War für euch sofort klar, dass ihr die Reise wie geplant fortsetzen wollt?

Ja, da waren wir uns sofort einig. Natürlich immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, jederzeit nach Deutschland zurückzukehren, wenn es Komplikationen geben sollte.

 

War es anstrengend, schwanger unterwegs zu sein?

Schade war, als der Bauch mich auf den Beifahrersitz verdammte. Ich passte irgendwann einfach nicht mehr hinter das Lenkrad und musste Thorben das Steuer komplett überlassen. Und zum Ende hin war es doch recht anstrengend, in den LKW hinein und herauszuklettern - mit 1,20 Einstiegshöhe. Aber die Entdeckerfreude war ungebremst: Zwar war ich etwas gemächlicher unterwegs, aber der dicke Bauch schnorchelte, machte Reitausflüge und kletterte auf die Pyramiden in Mexiko.

 

Game over: Wer die Kugel hat, muss auf den Beifahrersitz ausweichen...

(Fotocredit: hippie-trail.de)

 

Eine Schwangerschaft bringt in Deutschland meist unzählige Vorsorgetermine mit sich. Wie hast du das unterwegs gelöst?

Ärztehopping: In den USA sind wir immer in Krankenhäuser gegangen und wurden dort an einen Gynäkologen oder zum Ultraschall weiterverwiesen. Wir mussten fixe Termine vereinbaren und unsere Tour danach ausrichten. Außerdem gibt es den ersten Ultraschall in den USA erst ab der zehnten Schwangerschaftswoche. Da mussten wir etwas tricksen und meine Schwangerschaft vordatieren, um überhaupt einen Termin zu bekommen.

 

In Mexiko war es um einiges einfacher. Dort gibt es in jedem noch so kleinem Nest einen „Ultrasonido“ – ganz ohne Termin. Außerdem war es hier viel günstiger: Zahlten wir in den USA rund 800 Dollar für einen Ultraschall und ebenso für einen Bluttest, waren es in Mexiko nur noch 35 – bei gleicher oder sogar besserer Qualität. Blutuntersuchungen gab es dort keine, und wollte ich meine Gewichtszunahme wissen, musste ich auf Waagen im Supermarkt ausweichen.

Das klingt nach einer Menge Organisation...

Es war viel Organisation und Recherche notwendig, wann welche Untersuchungung ansteht und so weiter. Ich bestückte meinen Ebook-Reader mit einem Schwangerschaftsratgeber zum Nachschlagen und mit den Informationen zu den üblichen Vorsorgeterminen. Danach habe ich mich gerichtet und habe dann jeweils einen Arzt aufgesucht. Und weil ich keinen Mutterpass erhielt, musste jeder Arzt alles erfragen und ich hatte die Vorsorgecheckliste aufzutragen.

 

Die Wahl des Geburtsorts ist für viele schon in Deutschland schwierig. Nach welchen Kriterien habt ihr entschieden, wo das Kind zur Welt kommen soll?

Noch mit dem positiven Schwangerschaftstest in den Händen planten wir grob durch, wo wir zur 32. SSW sein würden – Romy kam zu früh auf die Welt und wir rechneten das mal mit ein. Der Finger auf der Landkarte blieb bei Yucatan stehen. Ein öffentliches Krankenhaus kam für mich nicht in Frage. Dort stehen die Mexikaner bis auf die Straße in Schlangen an. Im Internet suchte ich nach Geburtskliniken in der Umgebung, und ich fand eine sehr moderne Klinik mit angeschlossener Kinderstation in Cancun. Im Landesinneren von Yucatan hätte es eine weitere gute Klinik gegeben, aber uns zog es definitiv mehr an die traumhaften Strände. Schließlich wollten wir vor und nach der Geburt in Krankenhausnähe sein.

 

Ihr hättet es aber auch auf eine Greencard anlegen und Levi in den USA bekommen können...

An die USA haben wir auch gedacht, aber dagegen sprachen für uns die hohen Kosten, die von unserer Versicherung nicht übernommen werden. In den USA kostet eine normale Geburt ohne Komplikation leicht mehr als 20.000 Dollar. Damit war schnell klar, dass es ein Mexikaner werden würde. Dort liegen die Kosten bei etwa 2.000 Euro.

 

Levi: Geboren in Mexiko, alleine über den Äquator gekrabbelt, und zum Ende der Welt geht es vielleicht schon auf eigenen Beinchen... (Fotocredit: hippie-trail.de)

 

Was war in der mexikanischen Klinik anders als du es von der Geburt eurer Tochter in Deutschland kanntest?

Die Klinik hatte amerikanischen Standard, vergleichbar mit einer Klinik in Deutschland. Befremdlich war für mich, dass in Mexiko nahezu alle Geburten Kaiserschnitte sind und die wenigen natürlichen Geburten mit wehenfördernden Mitteln beschleunigt werden. Vermisst habe ich Hebammen, Homöopathie, Wehenschreiber – in Deutschland das Normalste von der Welt.

 

Die Versorgung während und nach der Geburt und die Kinderstation waren sehr gut, und mein Spanisch konnte ich während des Aufenthaltes ordentlich aufpolieren. Keiner sprach Englisch!

 

Hallo kleiner Bruder! Während der Geburt war Torben mit Romy nur schnell was essen – als sie zurück zur Klinik kamen, war der Kleine schon da. (Fotocredit: hippie-trail.de)

 

Nach der Geburt stehen einige Formalitäten an. Was kam da alles zusammen?

Das erste Dokument, das man bekommt, ist ein Geburtsbericht vom Krankenhaus. Damit muss man auf's Standesamt, das ,Officina civilʼ und die Geburtsurkunde beantragen. Allerdings meinte die Beamtin dort, dass es mindestens vier Wochen dauern würde, um überhaupt einen Termin zu bekommen. Gegen eine Zahlung von 50 US-Dollar – schlichtweg Bestechungsgeld – bot man uns eine Express-Version an, die wir dankend annahmen. 10 Minuten später waren das Dokument und der vorläufige Bürgerausweis fertig. Levi war also Mexikaner!

 

Auf dem nächsten Amt beantragten wir den mexikanischen Pass und hielten ihn keine 2 Stunden später in den Händen.

 

Schwieriger war der deutsche Pass: Wir brauchen nochmals eine Geburtsbestätigung vom Kinderarzt, sowie eine beglaubigte Übersetzung der Geburtsurkunde. Außerdem unsere Heiratsurkunde im Original. Ein weiteres Problem war, dass es in Cancun zwar einen Honnorarkonsul gibt, dieser aber nur vorläufige Reisepässe ausstellen darf, was die Weiterreise unmöglich gemacht hätte. Also telefonierten wir mehrmals mit der Botschaft in Mexiko-Stadt, bis diese eine Ausnahme machte und den Pass über den Honorarkonsul ans uns aushändigte. Auch bei der Heiratsurkunde reichte am Ende zum Glück eine Kopie...

 

Wie lange habt ihr euch Zeit gelassen, bis ihr nach Levis Geburt weitergereist seid?

Wir hatten uns für die Geburt ein kleines Appartement am Strand von Cancun gemietet. Das war auch Grund für uns, in der Karibik das Kind zu bekommen. Dort bleibt man gerne mal etwas länger. Insgesamt wohnten wir dort etwa 2 ½ Monate.

 

Sechs Wochen nach der Geburt ging die Reise weiter. Das Baby entwickelte sich prächtig und wir warteten nur den ersten Impftermin ab und die Ankunft des deutschen Reisepasses.

 

Impfen ist ein gutes Stichwort. In Deutschland steht im ersten Lebensjahr eine Reihe von Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen an. Wie habt ihr das gelöst?

Eigentlich genauso wie mit den Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft. Ich folgte dem Plan für Vorsorgeuntersuchungen nach deutschen Massstäben und wir suchten in den entsprechenden Intervallen Kinderärzte auf.

 

Noch im Krankenhaus von Cancun bekam Levi ein Impfheft, so konnten wir die Impfungen relativ leicht durchführen. In Zentralamerika ist es üblich, dass man Impfstoffe einfach in der Apotheke kauft und dort auch direkt gespritzt bekommt.

 

Auf eurem weiteren Reiseweg lagen Länder, die als unsicher gelten. Wie habt ihr das empfunden?

Als unsicher gelten lediglich El Salvador und Honduras, die relativ schnell durchfahren werden können. Andere Reisende waren für uns die beste Informationsquelle über die momentane Situation in diesen Ländern. Die Warnungen vor Mexiko halten wir persönlich für überzogen.

 

Früh übt sich: Romy steuert den Froschlaster 30 Kilometer weit über den Salar de Uyuni in Bolivien. (Fotocredit: hippie-trail.de)

 

Und wie seid ihr mit möglichen Gesundheitsrisiken umgegangen?

Romy war vor Reiseantritt voll geimpft, und auch Levi bekam vor der Weiderreise die ersten Impfungen. Das war für mich Grundvoraussetzung - speziell für Zentralamerika. Und dann gilt natürlich die alte Regel ,koch es - schäl es - wasch es, oder vergiss esʼ, dazu Hände waschen, Wunden vor Infekten zu schützen und Moskitoschutz. Bei Levi war es eigentlich sehr einfach bevor er krabbelte, da er grösstenteils bei mir im Tragesack war und als voll gestilltes Baby gar nicht mit Lebensmitteln in Berührung kam.

 

Der eigentliche Knackpunkt waren die enormen Höhen, vor allem in Peru und Bolivien. 4.000 Meter sind die Norm, an manchen Stellen sogar mehr als 5.000 Meter. Wir informierten uns daher schon in Ecuador bei Ärtzen und erhielten die Empfehlung langsam hochzufahren und uns ab 2.500 Meter in 300 Meter-Schritten nach oben zu tasten, jeweils zu übernachten und die Kinder immer genau zu beobachten. Daran haben wir uns gehalten – immer mit der Option auf niedrigeres Niveau zurückzufahren.

 

Recherchiert man im Internet über Reisen mit Kindern nach Zentralamerika oder in grosse Höhen, wird sofort davon abgeraten. In der Praxis kann ich sagen, dass unter Einhaltung der oben genannten Punkte alles machbar ist. Weder Romy noch Levi hatten Probleme. Kinder und Schwangere gibt es schliesslich überall.

 

Gibt es etwas, das du anderen Reisenden, die unterwegs schwanger werden (wollen), mitgeben möchtest?

Jede Schwangerschaft ist natürlich individuell – fühlt man sich gut, ist gesund und hat den Mut dazu, ist es eine wunderbare Erfahrung. Das Wichtigste ist dabei, die eigenen Grenzen im Kopf zu überwinden und seinem Körper zu vertrauen.

 

 

 

Wer reist hier?

Wir sind Michi (38), Thorben (32), Romy (3) und Levi (10 Monate), unterwegs im Froschlaster, einem Mercedes Benz LA911, Baujahr 1980. Vor sechs Jahren fuhren Thorben und Michi mit einem Mercedes 319 (Baujahr 1964) nach Indien. Dies sollte vorerst unsere letzte grosse Reise sein, da wir ein Baby planten und dachten, dass dann nur noch Urlaub auf dem Bauernhof drin ist. Doch unterwegs lernten wir viele Reisende mit Kindern kennen und sahen, dass das einwandfrei klappt. Damit hatten wir ein neues Ziel...

 

Seit Mitte 2015 sind wir auf der Panamerikana unterwegs. Unser Plan: die Kontinente vom nördlichsten bis zum südlichsten Punkt zu befahren. Noch* liegen etwa 3.000 Kilometer auf der Carretera Austral in Chile und die Ruta 40 in Argentinien vor uns. Danach wollen wir über Argentinien nach Norden fahren, ein kleines Eck von Brasilien und eventuell Paraguay bereisen und dann weiter nach Uruguay, um den Laster von Montevideo aus zurück nach Deutschland zu verschiffen.

 

Mehr unter www.hippie-trail.de und auf Facebook: https://www.facebook.com/hippietrail.panamericana

 

* Zum Zeitpunkt des Interviews

(Fotocredit: hippie-trail.de)

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Stephan Hamann und Heidi Kowalski aus Big Blue (Donnerstag, 13 April 2017 09:44)

    Hallo!
    Dieses Auto ist ja auch schon vom Vorbesitzer dafür bekannt, dass Kinder dadrin entstehen und/oder geboren werden. Der Frosch hat darin Übung.
    Viel Spass noch mit ihm und eurem Nachwuchs
    Heidi und Stephan (Nachbarn der Vorbesitzer)

  • #2

    Team Ferdinand (Donnerstag, 13 April 2017 11:43)

    Hallo Heidi und Stephan,
    ja, stimmt. die Schwangerschaft und Geburt in Indien haben wir wamals auch mit Spannung auf dem Froschlaster-Blog verfolgt. Für ein Intervier an dieser Stelle, lag uns das allerdings zu lange zurück :-)
    LG Steffi

  • #3

    goran (Freitag, 14 April 2017 13:30)

    veliki pozdrav svima vama

Team Ferdinand
Eine Familie unterwegs im Oldtimer-Bus

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Wir verbringen ein paar entspannte Tage auf Cres-Lošinj, und haben tatsächlich noch Badewetter - zumindest bis heute. Über Nacht ist was Wetter gekippt und der Himmel ist grau. ein guter Zeitpunkt, sich endlich um den Blog zu kümmern...

 

 

 

 

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