Von Kreuzfahrern und spirituellen Schocks (Montenegro Teil 1)

Wir wählen den winzigen Grenzübergang direkt an der Küste, um nach Montenegro einzureisen. Auf kroatischer Seite kommt uns ein einzelnes Fahrzeug entgegen, auf der montenegrinischen sind wir ganz alleine. Hier scheint selten etwas los zu sein. Auf kroatischer Seite nimmt man sich Zeit für ein Schwätzchen (Einer der Grenzer hat mal in Aachen gelebt) und der montenegrinische Kollege schmettert mit Verve Einreisestempel in in unsere Pässe (muss dann aber grinsen, als er sie uns überreicht). Dann endlich betreten wir erstmals auf dieser Reise absolutes Neuland...

 

Wir fühlen uns sofort wohl in Mentenegro. Menschen wuseln durch die Strassen und überall gibt es Fressläden und Gemüsestände. Schnell wird uns klar, was uns in Kroatien gefehlt hat: Es ist einfach zu "clean" dort, zumindest an der Küste.

 

Wir entscheiden uns dafür, erstmal die Bucht von Kotor zu umrunden – bis Kotor selbst, dann sehen wir weiter. Vorher erkunden wir aber noch die winzige Altstadt von Herceg Novi, die um diese Jahreszeit gänzlich untouristisch wirkt (sieht man mal von der obligatorischen Gruppe Japaner ab).

 

Bei einem Stop in Perast wünscht sich Lo1, das Taxiboot zur Klosterinsel zu nehmen. Nein, sie schlägt es ganz erwachsen vor: "Also, ich würde mal vorschlagen, dass wir mit dem Boot zu der Insel fahren können..." Klar, dass wir darauf eingehen, solange es sich um Machbares handelt.

 

 

Furchtbar viel zu sehen gibt es auf der künstlichen Klosterinsel nicht (die zweite – natürliche? – wird nicht angesteuert), aber sie liegt schon sehr idyllisch im Mittelmeerfjord und Kinder haben ihren Spaß am kleinen Bootsausflug.

 

 

Ausserdem kann Lo1 hier mal unter Beweis stellen, welche Kräfte in ihr schlummern...

 

 

In Kotor angekommen, winkt mich ein Mann zu sich, ob ich mal seinen Fisch kosten will. Er steht direkt an der Hafenkante und vor sich auf einem Fass hat er einen Teller voll gegrillter Dorade und kleiner Tintenfischen liegen. Er hat slowenische Wurzeln, geboren ist er in Sarajewo. Lange hat er in Deutschland gelebt, dort sind auch seine Kinder. Er selbst ist vor einigen Jahren in Montenegro gelandet – nur dort wollte man ihm nach den Kriegswirren einen Pass zubilligen... Bei all dem wirkt er sehr gelassen und fordert Lo1 und mich immer wieder auf zu essen, es sei sowieso viel zuviel für ihn. Wir langen zu und Lo1 verputzt (mit meiner Hilfe) fast eine ganze Dorade. Kein Wunder, dass sie im Anschluss die Cevapi, die unser Reisebudget so hergibt, links liegen lässt!

 

Wir finden in Kotor einen Nachtplatz direkt am Wasser und unweit der Altstadt. Von hier aus beobachten wir allerdings beim Frühstück auch, wie gleich zwei Kreutzfahrschiffe vor Kotor ankern. Wir überschlagen schnell die Massen von Kreuzfahrern, die die Schiffe in die kleine Altstadt spucken werden und sind uns schnell einig: Das brauchen wir nicht! Wir entscheiden uns daher Kotor für heute Kotor sein zu lassen und unsere Tour durch Montenegro so zu legen, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt nochmals wiederkommen. Vielleicht haben wir dann ja mehr Glück.

 

 

Wir verabschieden uns vorerst von der Bucht und machen uns auf den Weg ins Landesinnere.

 

 

Das erste anvisierte Ziel ist Kloster Ostrog, das spirituelle Zentrum der serbisch orthodoxen Kirche, das in schwindelerregender Höhe an einem Gebirgshang klebt. Allein die Anfahrt ist spektakulär. Wir schrauben Ferdinand über enge Serpentinenstraßen in die Höhe – immer auf der Hut vor einheimischen Pilgern, die uns zum Teil in einem Affenzahn entgegenkommen. Wir peilen den obersten Parkplatz an. Der ist laut Reiseführer, den Alten, Kranken und Falschgläubigen vorbehalten. Denn der serbisch-orthodoxe Pilger muss mindestens vom unteren Kloster aus zu Fuß gehen, damit die Wallfahrt auch "gilt."

 

Diese Regel scheint außer dem Autor unseres Reiseführers jedoch keiner zu kennen - oder man schert sich einfach nicht drum. Heute zumindest scheinen alle bis ganz hoch zu fahren, und wir sind und einig, dass ich am Steuer von Ferdinand noch am ehesten regelgerecht gepilgert bin: Immerhin habe ich dank der nicht vorhandenen Servolenkung mit den Armen vollen Einsatz gezeigt.

 

Im Kloster angekommen folgen wir dem vorgegebenen Pfad durch die verschiedenen Kammern und erleben gleich im ersten, einer winzigen Höhle, einen spirituellen Schock: Dort sitzt ein gestreng dreinblickender Otac und fordert uns ungeduldig auf näher zu treten. Etwas verwirrt lassen wir erstmal das Paar hinter uns vor und beobachten dass zuerst das Kreuz geküsst werden muss, das der Otac den Leuten entgegen streckt, um sich dann vor dem Sarkophag des unverwesten Klostergründers (und Heiligen) Vasilije Jovanovic zu verbeugen und natürlich die eine oder andere Münze auf dem Beistelltischchen liegen zu lassen. Das ist uns zu viel der fremdartigen Rituale und wir sehen zu, dass wir rauskommen.

 

Im nächsten Raum schieben die Gläubigen – natürlich wieder unter der Aufsicht eines Otac – kleine (Wunsch?)Zettelchen in einen Kasten. Kammer Nummer drei ist eine finstere, rauchgeschwängerte Höhle, in der unzählige dünne Opferkerzen brennen – ob sie vor irgendwelchen Heiligenbilder aufgestellt sind, können wir vor lauter Ruß nicht erkennen.

 

Wir schlendern noch kurz durch den Ikonenshop, wo es wenigstens hell und freundlich ist, dann haben wir genug gesehen. Wir kurbeln die vielen Serpentinen wieder hinab ins Tal und machen uns auf den Weg in Richtung Dumitor-Gebirge. Natur scheint uns eben doch mehr zu liegen als fremdartige Spiritualität...

 

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Team Ferdinand
Eine Familie unterwegs im Oldtimer-Bus

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Nach längerer, ungeplanter Internet-Diät, sind wir Ende November in Griechenland angekommen. Irgendwie finde ich seither nicht mehr so recht ins Bloggen. Aber bald werde ich versuchen, das Reisetagebuch wieder up to Date zu bringen. Bis dahin könnt ihr auf facebook sehen, was wir so treiben...

 

 

 

 

 

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